close
BSA Bern, Architecture elsewhere, , Sebastian Holzhausen

«Das Dorf über dem Dorf»

«Das Dorf über dem Dorf»

«Das Dorf über dem Dorf»

Fährt man von St. Gallen mit dem Appenzellerbähnli bis nach Trogen eröffnet sich einem bei schönem Wetter eine fantastische Sicht über hochgelegene Hügellandschaften bis zum Bodensee. Auf den Anhöhen verteilt die typische Appenzeller Ansiedlungen von giebelständigen Häusern mit spitzen Dächern und dem Vorläufer des modernen Bandfensters, wie es schon der hier einheimische Architekt Johannes Waldburger so formschön in die Moderne gerettet hat.

Wer am Endbahnhof Trogen die südliche Anhöhe über dem Dorf erklimmt sieht sich plötzlich in einem Dorf über dem Dorfe stehend. Man ist im Kinderdorf Pestalozzi Trogen angekommen.

Der Schweizer Publizist und Philosoph Walter Robert Corti veröffentlichte 1944 einen eindringlichen Aufruf. Er appellierte an die sich aus der eigenen Unversehrtheit ergebende Pflicht der Schweizer Bevölkerung, den notleidenden Kriegswaisen zu helfen. Sein Plan war es, Kinder aus ganz Europa in eigens dafür errichtete Schweizer Kinderdörfer zu holen, um ihnen die Möglichkeit einer behüteten Entwicklung zu geben. Nach zähem ringen und verhandeln um Gelder und potentielle Bauplätze ermöglichten Pro Juventute und die Gemeinde Trogen 1946 schliesslich Startkapital und Bauland für die bauliche Umsetzung.

Der Zürcher Architekt Hans Fischli, welchen Corti bereits 1944 kennengelernt und welcher sich bereits durch die Gestaltung des Kinderpavillons auf der Landi 1939 hervorgetan hatte, engagierte sich von Beginn weg leidenschaftlich für die Planung des Vorhabens.

Fischli hatte 1929-1930 am Bauhaus in Dessau u. a. bei Hans Albers, Mart Stam und Hannes Meyer studiert. Nachdem er von 1930-1933 im Zürcher Büro Hubacher und Steiger an Projekten wie der Werkbundsiedlung Neubühl und dem Zett-Haus gearbeitet hatte machte er sich schliesslich 1933 in Zürich selbstständig.

Die wichtigste Einheit im Kinderdorf Trogen, die den gesamten Aufbau und die Organisation bestimmen sollte, war für Fischli die beheimatende, private Rückzugsnische des Kindes: „Jedem Kind seine Ecke, jeder Familiengruppe ihr Haus und die Zusammenfassung der Familien im Dorfverband“.

Bei der Anordnung der Gebäude in der Landschaft vermied Fischli eine schematische Aufteilung des Geländes zugunsten einer lockeren Gliederung der Siedlung. Das mag, wie die architektonische Ausformulierung auch, dem strengen heimatschützerischen Blick der Behörden geschuldet gewesen sein. Es erscheint aber plausibel, dass hier vor allem das empirische Lernen aus der Beobachtung der Dinge am spezifischen Ort prägend waren, wie es Fischli bei Albers und Meyer am Bauhaus erlernt hatte. Die funktionale Teilung der Häuser selber in ein Schlafhaus sowie ein Wohn- und Unterrichtshaus, verbunden über einen mittleren Zugangsbereich, erlaubten es dabei die Dimensionen der Häuser pro Einheit in kindgerechtem Maßstab zu halten.

Insgesamt variierte Fischli noch während der Bauzeit vier unterschiedliche Haustypen, welche jeweils auf andere Gegebenheiten der Topographie und auf Erkenntnissen aus der Nutzung der ersten Gebäude reagieren. Auch dies ist auf seine Bauhauserfahrungen zurückzuführen. So hielt Albers seine Schüler dazu an, ihre Erkenntnisse aus bisher gemachten Erfahrungen in die Lösung neuer Aufgaben einfließen zu lassen.

Dass Fischli dabei nicht auf billige Volkstümelei abzielte, macht ein Blick auf die bewusst gewählte Bauweise der Häuser klar. Es ist eine konventionelle regionale Konstruktion: betonierter Sockel; Holzskelett-Oberbau mit einfacher Zangenkonstruktion, also ohne spezielles Zimmermannswissen zu verbinden; geneigtes Dach mit Ziegeldeckung; Fenster, wie sie jeder Fensterbauer in der Umgebung auch sonst zu Dutzenden herstellte. Eben ein Appenzeller-Haus.

Der kreative Umgang, der Wille aus den beschränkten finanziellen Mitteln das maximal Mögliche heraus zu holen und die Berücksichtigung der eingeschränkten handwerklichen Fähigkeiten in der Auswahl der Bauweise veranschaulichen eindrücklich, wie sehr Fischli das Albers-sche Prinzip des „aus-nichts-etwas-machen“ in seiner architektonischen Praxis verinnerlicht hatte.

Auch Karianne Christensen, welche sich heute als hauptamtliche Architektin der Stiftung Kinderdorf um die baulichen Belange der Anlage kümmert, greift für die laufenden Sanierungen der Häuser auf diesen Grundsatz zurück. Die Häuser werden nacheinander behutsam und zurückhaltend mit möglichst einfachen und kostensparenden Materialien und Konstruktionen von lokalen Handwerkern auf heutige Standards hin ertüchtigt. Was den Häusern und dem Dorf gut bekommt, die Attraktion ist ungebrochen. Heute wohnen hier zwar keine Kriegswaisen mehr, aber internationale Schülertreffen aus ganz Europa sorgen dafür, dass auch die Bewohnerstruktur des Dorfes weiterhin lebendig bleibt.

https://www.pestalozzi.ch/de

http://www.johanneswaldburger.ch

 

vorgestellt von Sebastian Holzhausen