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BSA Bern, Understand architecture, , Rudolf Vogt

Späte Kehrtwende

Späte Kehrtwende

Ursprüngliches Raumkonzept mit dem Zuschauerraum unter dem hohen Teil des Hängedachs

Aus aktuellem Anlass, die diesjährige GV des BSA findet am 14. Juni 2019 im grossen Saal des Bieler Kongresshauses statt, nachfolgend einige interessante Informationen zur anspruchsvollen Planungsgeschichte dieses bedeutenden Werks des Bieler Architekten Max Schlup (1917 – 2013).

Ausgangspunkt ist eine Begegnung mit Edi Benz, eines früheren Mitarbeiters von Max Schlup und späteren Gründers und Direktors der Orchestergesellschaft Biel (OGB).  Im Anschluss an das Gespräch hat Edi Benz die Planungsgeschichte in einem kurzen Memo zusammengefasst. Edi Benz wurde von Max Schlup bei der Projektierung des Kongresshauses unter anderem mit dem Zeichnen der Innenraumperspektiven betraut. Er ist Verfasser der beiliegenden Innenperspektive welche den grossen Saal vor der Kehrtwende dokumentiert.

Konkret geht es um die Konzeption des grossen Saals, respektive um die Lage von Zuschauerraum und Bühne unter dem markanten Hängedach.

Wer sich mit der Bau- und Planungsgeschichte des Bieler Kongresshauses befasst, stellt fest, dass in einer früheren Phase Zuschauerraum und Bühne gerade in umgekehrter Richtung geplant war, als sie später realisiert wurden. Die Bühne befand sich unter dem niedrigen Teil des Hängedaches, beim Saaleingang, die Zuschauer unter dem hohen Teil des Hängedachs. Diese ursprüngliche Konzeption ist auch im 2013 von den Bieler Fachvereinen im Verlag Niggli publizierten Buch über Max Schlup dokumentiert.

Wer die komplexen und anspruchsvollen Rahmenbedingungen bei einem Saalneubau aus heutiger Sicht kennt, würde erwarten, dass die konzeptionelle Kehrtwende in der Vorprojektphase, spätestens aber im Bauprojekt vollzogen wurde. Umso erstaunlicher ist der im Memo von Edi Benz festgehalte Zeitpunkt dieser wesentliche Änderung: Sie wurde erst während der Rohbauphase, nach dem Bau des Hängedachs getroffen!

Anlass war der Beizug des renommierten deutsch Akustikers Lothar Cremer, welcher bereits Scharoun beim Bau der Berliner Philharmonie beraten hatte. Nach dem Studium der Pläne musste Cremer Max Schlup eröffnen, dass sein Saal akustisch nicht funktioniert. Der Klangkörper Bühne und Orchester müsse dort liegen wo der Raum die höchste Höhe aufweist wodurch die Saalkonzeption um 180 Grad gedreht werden musste. Wegen der konkav-konvexen Form des Giebels mussten, um ein Flatterecho zu vermeiden, die segelförmigen Schallreflektoren über der Bühne angebracht werden. Mit Lamellen an den Seitenwänden kann je nach Bedarf gedämpft werden.

Gemäss Edi Benz hatte danach für Max Schlup der Saal das Primat. Als späterer langjähriger Nutzer und Direktor der OGB ist er ihm dankbar. Dafür sei dann, meinte Edi Benz in Anspielung auf die Wettkampftauglichkeit des Hallenbades, das 25 m Schwimmbecken im wortwörtlichen Sinne zu kurz gekommen.

Dass es Max Schlup trotz dieser späten Änderung gelungen ist, einen Saal zu schaffen, welcher zu den beeindruckenden und stärksten Innenräumen der sechziger Jahre gezählt werden darf, spricht für die grosse Klasse dieses Architekten. 

 

vorgestellt von Rudolf Vogt