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BSA Bern, Architektur anderswo, , Martin Ernst

„une utopie realisée“ – La Familistère de Guise

„une utopie realisée“ – La Familistère de Guise

une utopie realisée – La Familistère de Guise

Die ideelle Basis dieser hier realisierten Utopie geht zurück auf Charles Fournier (1772 - 1836), ein frühsozialistischer Theoretiker und Reformer, der davon träumte eine schlossartige Anlage industrieller Produktions- und Wohngenossenschaft für 1620 Menschen zu realisieren um dort gemeinschaftlich „zu leben, zu wohnen, zu lieben, zu arbeiten und zu konsumieren.“

Jean-Baptiste André Godin der sich vom Arbeiter zum Firmenchef hochgearbeitet hat ist begeistert von den Ideen von Charles Fournier. Godins Erfolg ist auf die neue Verwendung von Gusseisen für Etagenöfen und Kochgeschirr zurückzuführen. Er war begeisterter Anhänger der utopischen Ideen von Charles Fournier, so begann er in der Mitte des 19. Jahrhunderts la Familistére für über 1'000 Menschen neben seinen Industriehallen liegend zu realisieren. Diese einmalige Anlage gilt als erster sozialer Wohnungbau in Frankreich.

Als Besucher beeindruckt als erstes die Grösse der schlossartigen Anlage mit dem zentralen Platz und den mächtigen Volumen, aber auch durch den Reichtum an Gestaltungs- und Dekorelementen geformt aus Backstein. So wie für die Oberschicht in Fontainbleau und Versailles gehören auch zu dieser Anlage eine prächtige Parklandschaft, ein Theater, das Musikpavillon sowie Gemeinschaftsräume, die Schule und das Waschhaus mit integriertem Hallenbad für die Kinder.

Beim Eintritt in die Wohnbauten überrascht der grosse überglaste Innenhof mit seinen Erschliessungsgalerien und in den Hofecken angeordneten Treppen, welche das Gemeinschaftliche, in einer bewusst gewollten „gegenseitigen Selbstkontrolle“ zelebrieren.

Demgegenüber erstaunen die klar strukturierten und komfortablen Wohneinheiten welche zum familiären Wohnen ideale Voraussetzungen bieten. Dass auch Direktor Godin mitten unter seinen Arbeitern wohnte versteht sich von selbst.

Erstaunlich sind auch alle konstruktiven Details, wie das System zur Klimaregulierung und die kompakt angeordneten Installationszonen, welche gut aus unserer Zeit stammen könnten.

In den 1960er Jahre wurde das Genossenschaftsmodell aufgelöst und grössere Teile der Familistère umgewandelt in Miet- und Eigentumswohnungen.

Trotzdem, ein Besuch der Familistère de Guise, ca. 30 km östlich von St. Quentin gelegen, lohnt sich. Sehr vieles ist heute als Museum mit interessanten Informationen zur Geschichte, zum Wohnen, zu Bauweise und Bautechnik frei zu besichtigen. Das Ganze beeindruckt als eine ideologisch geprägte Pionierleistung welche als Modell bis in die heutige Zeit auszustrahlen vermag – z.B. als Modell fürs Mittel- und Viererfeld in Bern?

 

Reiseempfehlung:

Im Nordosten von Paris liegt das Departement „Les Hauts de France“, vormals La Picardie, als Agrarland und Nord Pas de Calais, als das „Ruhrgebiet“ Frankreichs. Dieses Gebiet gehört wohl zu den am wenigsten besuchten Regionen Frankreichs. Für mich ist es aber ein Geheimtyp mit seiner Vielzahl von sehenswerten Landschaften, Orten und Bauten. Dazu gehören nicht nur die Hauptstädte Amiens und Lille, sondern da gibt es noch Arras, Lens mit dem architektonisch sehr gelungenen Musée Louvre der SANAA Architekten, aber auch la Baie de la Somme, oder Badeorte wie Le Touquet und das malerische Mers-les-Bains, Schlösser wie Chantilly und Pierrefonds, oder Laon die Stadt auf dem Hügel, wo die Türme der Kathedrale aus der Ferne wie eine Krone wirken und auch Beauvais mit seiner berühmten Kathedrale, auch für Verehrer der Moderne, z.B. die Villa Caveroys (1932) in Croix bei Lille. Diese Liste lässt sich beliebig ergänzen und dies ganz abgesehen von kulinarischen Genüssen.

vorgestellt von Martin Ernst