
Re-use next level
Keine Architekturschule, die etwas auf sich hält, vergisst heute, einen Hands-on-Entwurfskurs mit Re-use anzubieten. Solche Versuchsbauten im Massstab 1:1 sind attraktiv und für ein Lehrexperiment geeignet, lässt sich doch an ihnen das veränderte Verständnis für Materialkreisläufe und Fügetechniken anschaulich üben. Training ist auch nötig, denn Re-use stellt ganz neue Anforderungen an Entwürfe. Sie orientieren sich an der Verfügbarkeit von Ma-terial: Design by availability. Das Haus der Zukunft ist ein Hybrid aus alt und neu. Und damit es selbst künftig zu Mine werden kann, soll es möglichst schadenfrei auseinandermontiert werden können: Design for disassembly.
Die ersten Pilotprojekte wie die Aufstockung K118 in Winterthur von Baubüro in situ (wbw 5 – 2021, S. 10 – 11) liegen schon einige Jahre zurück und inspirierten die Architekturwelt und weit darüber hinaus.1 Vor kurzem ist ein Film über Barbara Buser, Gründerin von in situ und Vordenkerin des Re-use, in den Kinos angelaufen. Darin erinnert sie eindringlich an das Müllproblem, an dem unsere Konsumgesellschaft krankt. Nur mit dem Wiederverwenden von Gebäuden als Ganzes oder in Teilen bekommen wir das in den Griff.
Nun sind die ersten grösseren Re-use-Projekte realisiert, einiges ist unterwegs. Zeit für eine Zwischenbilanz. Wir haben Wohnbauten in Basel und -Winterthur besichtigt und zwei ganz unterschiedliche entwerferische Herangehensweisen von Re-use -angetroffen. Zudem haben wir uns in der Re-use-Community umgehört: Was sind die Erfahrungen beim Planen und Bauen mit Re-use? Was kostet das Ganze? Steht der finanzielle Aufwand in einem -Verhältnis zum ökologischen Nutzen? Sicher ist, dass Planungsprozesse grundlegend vom Kopf auf die Füsse gestellt werden. Bei der Recherche zu diesem Heft hat sich gezeigt: Die Hauptstadt des Re-use heisst Brüssel. Hier bilden Büros wie Rotor oder BC Architects seit Jahren so etwas wie die Speerspitze beim Bauen mit wiederverwendeten Bauteilen. Hier lässt sich bereits ein Schritt beobachten, der Schweizer Städten noch bevorsteht: ein ganzes Areal als Bauteillager zu betrachten. So kann das Bauen mit wiederverwendeten Bauteilen die nächste Stufe erreichen: Re-use next level. — Jasmin Kunst, Roland Züger