
Aus der Not eine Tugend machen
Zonenpläne sind wichtige Planungsinstrumente. Als man sie vor etwa hundert Jahren erfand, waren die Städte bunt durchmischt, doch auch laut und verschmutzt. Gesünder wohnte man im Grünen. Die funktionale Entflechtung löste Probleme und schuf neue: Schlafstädte, unbelebte Geschäftsviertel, lange Wege. In wachsenden Städten ist Boden heute rar und teuer. Knappe Landreserven für Wohnungen und öffentliche Nutzungen animieren zu unkonventionellen Lösungen. Die Stapelung unterschiedlicher Funktionen ist ein Weg, der Synergien erzeugen kann. Doch stecken hybride Bauten auch voller Herausforderungen, denn vielschichtige Bedürfnisse und Anforderungen begegnen sich auf engem Raum. In Zürich zog jüngst eine Schule in ein achtgeschossiges Bürohaus (vgl. wbw 12–2024, S.68–69) und gewohnt wird neuerdings auf einem Tramdepot. Man stellt fest: Bodensparend und durchmischt zu planen, stärkt die urbane Vielfalt und Dichte. Leerstehende Flächen lassen sich hybrid nutzen und dadurch gewohnte Nutzungsschemen gewinnbringend hinterfragen.
Eine komplexe Idee von Stadt, die den Bestand neu verwebt, zeigt sich bei zwei zusammengebauten Hochhäusern im Quartier Nord in Brüssel. Das Projekt ZIN resultierte aus einem vorgeschalteten städtebaulichen Planungsprozess, der die Revision des monofunktionalen Stadtteils als Denklabor verwendete. Iterativ verlief die Entwicklung auch über dem Tramdepot Hard in Zürich: Es brauchte 35 Jahre, mehrere Planungsvorstösse und eine Hochhauskontroverse, um an den heutigen Punkt zu gelangen, an dem etwa 550 Menschen über einer Verkehrsinfrastruktur wohnen. Bis heute schwingt bei solch gestapelten, durchmischten Vorhaben die Stadt der Städte der Moderne als Urmutter urbaner Dimensionssprünge mit: New York. Der Architekt und Erstlingsautor Simon Rott war dort und hat seine Reflexionen mit uns geteilt. Eine baukulturelle Transferleistung aus den 1930er Jahren ist das Rialto. Als metropolitaner Hybrid brach es grossstädtische Ideen aus Übersee auf den Basler Massstab herunter und kombinierte Hallenbad mit Wohnen, Büro und Gastronomie. Wo die Reise im mischgenutzten Städtebau der Schweiz in Zukunft hingehen soll, wollten wir von den Stadtbaumeisterinnen und Stadtbaumeistern selbst erfahren. — Lucia Gratz